BERND BIERBAUM

Bernd Bierbaum

Bernd Bierbaum writes books, paints, enjoys photography, and travels professionally across the world. He lives in Cape Town, South Africa.

Latest: Searching for the aardvark. Based on my idea and story, a 45min documentary was recently broadcast on ARTE TV and ZDF in France and Germany.

Ein Land, zwei Geschichten Indianer in Brasilien, noch nicht entdeckt

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.4.2000

Im April 2000 erreichen die Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Brasiliens ihren Höhepunkt: am Strand von Coroa Vermelha im Nordosten des Landes werden Staatsgäste und Schaulustige eine nachgebaute portugiesische Karavelle begrüßen,die nach wochenlanger Fahrt über den Atlantik Brasilien "wieder entdeckt". Nicht alle freuen sich auf dieses Fest. Die Pataxóindianer überlebten als einzige Indianergruppe fünf Jahrhunderte europäischer Kolonialzeit und brasilianischer Nationalgeschichte an der Entdeckungsküste.
Sie sehen der Erinnerung an die Seefahrt des Portugiesen Alvaro Cabral mit gemischten Gefühlen entgegen: "Seither wurden unsere Leute verfolgt und gejagt. Wir verloren unser Land, die Wälder, Flüsse und Strände und viele von uns könnenheute nur überleben, weil wir als "Indianer der Entdeckung" den Touristen Souvenirs verkaufen", sagt Itambé, der alte Häuptling im Dorf Coroa Vermelha.Wenige Meter neben seiner Strohhütte soll bald ein großes "Museum der Entdeckung" eröffnet werden, um die Anfänge der europäischen Geschichte an dieser Küste den vielen Besuchern nahe zu bringen. Itambé, dessen Volk seit Menschengedenken an dieser Küste lebt, freut sich darüber:" Dann werden uns die Touristen nicht länger nach der portugiesischen Entdeckung fragen. Wir habenschließlich unsere eigene Geschichte.
" Zwei verschiedene Geschichten?
Die offizielle brasilianische Geschichtsschreibung beginnt mit der Entdeckung vor 500 Jahren. Nur selten wird erwähnt, daß Brasilien mindestens 10000 Jahren zuvor schon einmal entdeckt wurde, wahrscheinlich von Vorfahren der heutigen "Indianer".Die Feiern zur Entdeckung dienen Brasilien jedoch als nationaler Integrationsbeweis: Ein Land- eine Geschichte- eine große gemeinsame Zukunft. Jedes Schulkind in Brasilien lernt, dass in Coroa Vermelha die Geburtsstunde Brasiliens schlägt.In den Millionenstädten des Landes werden seit langem die letzten Tage bis zum Geburtstag auf eigens installierten Uhren abgezählt. Der Papst persönlich will an den Mut der Christen erinnern. Den heldenhaften Expeditionsmythos verfasste Chronist Pero Vaz de Caminha: Nach langer stürmischer Fahrt über den Südatlantik sichtete die portugiesische Expedition im Zeichen des Kreuzesam Ostermorgen 1500 neues Land. Kaum erreichte die Mannschaft den Strand sah man " freimütige Menschen und schöne Frauen".

Auf der Suche nach einem sicheren Ankerplatz segelte die Expedition bald zum Landvorsprung von Coroa Vermelha. Hier wurde unter einem Holzkreuz der erste Gottesdienst auf brasilianischem Boden abgehalten. "Ehrfürchtig" und "wortlos" beobachteten die Einheimischen diese Zeremonie. Das neue Land wurde auf den Namen "Land des wahren Kreuzes" (Terra da Vera Cruz) getauft, die Einheimischen nennt man auch hier "Indianer". Mission und Kolonialisation können beginnen. Für die einen ist das der Beginn der Erfolgsgeschichte Brasilien, des größten Landes Lateinamerikas. Andere verweisen jedoch auf das menschliche Leid ,das die Entwicklung seither gekostet hat. Millionen Indianer und afrikanische Sklaven wurden getötet. Das Schicksal der Entdeckten ist die Kehrseite der Geschichte der Entdecker. In Brasilien vergegenwärtigt keine Bevölkerungsgruppe dieses Spannungsverhältnis deutlicher als die Pataxó. "Die Indianer der Entdeckung" leben im Bundesstaat Bahia in einer besonders reizvollen Landschaftmit Traumstränden und tropischen Wäldern. Vor mehr als 10 Jahren wurde diese Gegend durch den Lambadatanz bekannt, heute kommen Touristen. Auf der Flucht Fast grenzt es an ein Wunder, dass hier überhaupt noch Indianer leben. Schon den deutschen Prinzen Maximilian von Neuwied überraschte es, bei einer Expedition im neunzehnten Jahrhundert Gruppen von Jägern und Sammlern, darunter auch die Pataxó, in den dichten Wäldern etwa 1000 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro zu finden. Schließlich hatte ja erst 1806 der portugiesische König Joao VI die Indianer zum "Hindernis der nationalen Einheit" erklärt und versucht, sie in den "Gerechten Kriegen" (Guerras Justas) auszurotten.
Seitdem waren diese Menschen immer wieder auf der Flucht. Trotz skrupelloser Machenschaften der Sklavenjäger, kaiserlicher Truppen und Großgrundbesitzern überlebten die Letzten von ihnen paradoxerweise gerade in den Wäldern, die die Portugiesen 1500 als erste gesichtet hatten. Schließlich werden aber auch sie von der Conquista eingeholt: 1951 dringt das brasilianische Militär in die übriggebliebenen Wälder, um die letzten Indianer zu vertreiben. Dabei wird gemordet und vergewaltigt, die Strohhütten werden angezündet, die Überlebenden flüchten. Kurze Zeit später baut die Regierung Fernstraßen und ermöglichtso die Abholzung von Edelhölzern. Gleichzeitig wird der Tourismus gefördert. Wo die Indianer zuletzt gelebt haben, entsteht ein Nationalpark: Der Parque Nacional de Monte Pascal soll an die Entdeckung der Portugiesen erinnern!

Seit dieser gewaltsamen Vertreibung ist für die Pataxóindianer eine Rückkehr zur traditionellen Lebensweise unmöglich geworden. Heute leben sie in bedrückenden sozialen Verhältnissen am Rande der brasilianischen Gesellschaft. Erst in den letzten Jahrzehnten mußten viele Indianer ihr Land erneut verlassen, da die Ausweisung der Naturschutzgebiete die traditionelle Nutzung der Waldgebiete drastisch einschränkte. Auch ihre soziale Umwelt hat sich nachhaltig verändert: Waren ursprünglich Großgrundbesitzer oder einfache Kleinbauern weit entfernte Nachbarn, so rücken nun Hotelanlagen und Restaurants näher. Trafen früher Indianer beim Fischfang an der Küste oder an den Flüssen vereinzelt auf brasilianische Fischer, so dezimieren heute vor der Küste große Fischfangflottenillegal die Bestände. Bewirtschafteten die Indianer bisher ihre Felder in der Nähe ihrer Dörfer, wird der Boden durch den Immobilienboom immer knapper und die Wege zu den ausgelaugten Feldern beschwerlicher. Es kommt häufiger zu Konflikten mit brasilianische Großgrundbesitzern, die ihre bewaffneten Arbeiter ("Pistoleiros") auffordern, kleine indianische Felder zu besetzen.

Die etwa 3000 Pataxóindianer leiden unter Hunger und Mangelernährung. Unabhängige Organisationen beschreiben ihre Situation als dramatisch.Einen Ausweg aus dieser Not bietet für einige scheinbar das Tourismusgeschäft: Tatsächlich haben Souvenirs der Pataxóindianer in der Region seit vielen Jahren Tradition. Zunächst klebte man Federschmuck aus Abfallfedern einer Hühnerfarm und färbte mit Brausepulver. Als ein Ethnologe den indianischen Künstlern Fotos afrikanischer Stammeskunst zur Vorlage gab, wurden die Objekte raffinierter. Nicht allein die Produkte folgen dem Geschmack der Fremden: Touristen wollen "echte" Indianern sehen. Einige Pataxó in Coroa Vermelha leben das ganze Jahr für die Touristenund tragen inzwischen auch im Alltag Baströcke und Federschmuck. Manche erlernen gar eine neue indianische Sprache, allerdings diefalsche: Statt Pataxó, der Sprache ihrer Großeltern, lieber das häufiger gesprochene Tupí. "Die Touristen meinen, das höre sich indianischer an".

Die Indianer werden indianischer.
Die Pataxó werden im Umgang mit den Touristen oberflächlich "indianischer". Dabei ist es allein die Notwendigkeit, nur als "Indianer der Entdeckung" überleben zu können . In Brasilien wird aus dem indianischen Folklorismus gleich eine neu entdeckte Menschenart: ironisch spricht man von "Indios Novos", den Neuen Indianern. Andererseits wird das Weltbild und das Verhalten durch den Umgang mit den Touristen immer "moderner" . Viele Indianer sind sich dieser Veränderungen bewusst: "Wir werden seit 500 Jahren verfolgt", sagt die junge Indianerin Iacema aus dem abgelegenen Dorf Mata Medonha. "Unser Land gehört uns nicht.
Wir haben schlechte Gewohnheiten der Weißen übernehmen müssen. So verloren wir das Geheimnis, Indianer zu sein. Wir sind fast wie die Weißen. Den Touristen geht es nicht anderes: So wie früher die Indianer laufen sie nun halbnackt am Strand umher, setzen sich auf den Boden und trinken und essen dabei. Dann tragen sie stolz unseren Federschmuck nach Hause. Es ist eine verkehrte Welt".

Die Abhängigkeit vom Tourismus ist in vieler Hinsicht problematisch. Die Fertigung von Beilen, Lanzen und Schüsseln für die Touristen bedarf tropischen Holzes, das nur in den Wäldern wächst, die inzwischen naturgeschütztsind. Seit der portugiesischen Entdeckung schrumpfte durch den Export tropischer Edelhölzer (besonders Brasilholz), durch die Ausdehnung der Plantagen und die Goldsuche im Hinterland, der Küstenwald Mata Atlantica auf nur 2% der ursprünglichen Ausdehnung.
Im Gebiet der Entdeckungsküste ist das gerade noch ein Sammelsurium aus Restwäldchen von insgesamt 112000 Hektar. Wissenschaftlich erforscht ist bisher wenig. Immerhin zählte man auf einem Hektar 576 verschiedene Baumarten. Die UNESCO vermutet daher "die größte biologische Artenvielfalt überhaupt auf der Welt", und setzte das Gebiet Ende 1999 auf die Liste des Weltnaturerbes. Einige Pataxó fällen trotzdem Bäume. Nun wird von "ökologischem Verbrechen" gesprochen, einem Begriff, der bisher selten mit Indianern in Verbindung gebracht wird. Die Indianer sehen dazu kaum andere Möglichkeiten.
Ihres Landes beraubt, sind sie auf das Holz angewiesen: Sie rechtfertigen sich: "Nur Menschen, die genug zu essen haben, können die Umwelt schützen". Die Lage spitzt sich zu. Missverständnisse, Beleidigungen, Gewalt häufen sich. Vor zwei Jahren fuhr ein Häuptling der Pataxó Hahaii auf Einladung des brasilianischen Präsidenten zu einer Indianerkonferenz nach Brasilia. In einer Bushaltestelle überschütteten ihn fünf Jugendliche mit Benzin und zündeten ihn an. Kurz darauf starb er an den Verbrennungen.
Im vergangenen Jahr versprach ein Abgeordneter des brasilianischen Kongresses allen Frauen in einem Pataxó-Hahaii-Dorf "kostenlose Schwangerschaftsverhütung" für den Fall, dass sie ihn bei den anstehenden Wahlen wählten. Ohne ihnen erklärt zu haben, was für ein "kurzer Eingriff" beabsichtigt war, ließ er sie sterilisieren.

Die brasilianische Regierung hat die Pataxó zum 500. Geburtstag eingeladen. Sie sollen in Baströckchen tanzen, so wie damals. Wahrscheinlich hofft man auch, sie mögen "freimütig, schön, ehrfürchtig und wortlos" die nationalen Feierlichkeiten schmücken, wie schon während der portugiesischen Entdeckung. Den Indianern ist das zu wenig. Die Pataxó fordern, die Feste mit gestaltenzu dürfen. Sie wollen Landrechte und die Anerkennung ihrer modernen Lebensweise. Ähnliche Forderungen stellen auch viele der anderen 300000 Indianer im Lande. Selbst nach fünf Jahrhunderten gesteht ihnen das Neue Brasilien keine lebendige Rolle zu. Das indianische Leben bleibt für viele unentdeckt.