BERND BIERBAUM

Bernd Bierbaum

Bernd Bierbaum writes books, paints, enjoys photography, and travels professionally across the world. He lives in Cape Town, South Africa.

Latest: Searching for the aardvark. Based on my idea and story, a 45min documentary was recently broadcast on ARTE TV and ZDF in France and Germany.

Golf von Neapel (contributor, in German / auf Deutsch)

Beuys und Neapel: La rivoluzione siamo noi oder "Was hätte ich werden können, wenn ich intelligent gewesen wäre"

1943, während des Krieges sieht Beuys als junger Soldat Neapel zum erstenmal. Man könnte von einer jugendlichen Verliebtheit sprechen. Er ist begeistert von dem " Land, in dem die Zitronenbäume blühen". Seine Berichte erinnern an Goethes "Italienische Reise". Er macht Pläne. 
In einem Brief bittet er die Eltern, ihn an einer Kunstakademie einzuschreiben. "Ich will Künstler werden", schreibt er, und verdeutlicht schon jetzt: "ich will Bildhauer sein." Lucio Amelio (1931-1994), sein Freund und Kunstagent, der nach einem Studium in der DDR 1965 mit der Modern Art Agency Italiens avantgardistischste Gemaeldegalerie begruendete und Neapel mit Kuenstlern wie Baselitz, Maplethorpe, Kounellis und Warhol bekannt machte, vermutet sogar, daß Beuys von Italien träumte, bevor er überhaupt da gewesen sei: "Beuys mochte den Süden Italiens, den sonnigen Teil Italiens. Das ist eine deutsche Faszination."

28 Jahre später fährt Beuys zur Eröffnung seiner ersten Ausstellung nach Neapel. Die Bahnfahrt führt über den Brenner, vorbei an Verona und Rom, wie bei seiner ersten Reise. Beuys trägt einen Fellmantel und den Filzhut. Er ist aufgekratzt und erzählt allen, daß er die "Italienische Reise" liest. Als er Neapel erreicht, erwartet ihn Lucio Amelio am Bahnhof:"er sah aus wie jemand, der richtig glücklich ist, wieder da zu sein, wo er vor langem schon mal war."

Diese zweite Reise wird die Methode von Beuys verdeutlichen: er schmilzt seine persönliche Geschichte und Wahrnehmung mit dem Charakter eines Ortes zu einem neuem, lebendigen Mythos. Und er macht die Natur zum Protagonisten seiner Kunst. Das ist etwas radikal Neues gegenueber der Klassik und Romantik. Dabei bleibt die Geographie an sich fuer Beuys unbedeutend; er ist kein "Konzeptkuenstler" im herkoemmlichen Sinne. Es geht ihm nicht um Symbole, sondern um dynamisches Speichern und Umwandeln von Energie. Ihn interessieren weniger die paradiesischen Naturzustaende als das Wiederbeleben des Schoepfungsaktes. Ein Kurzbesuch 1976 nach Island verdeutlicht diesen Prozeß. Bereits im Schulunterricht hatte ihn die nordische Mythologie angezogen. In Island beeindruckt ihn die Natur mit Geysiren, Gletschern, gewaltigen Wasserfällen und Polarlichtern. Er besucht einen Schlachthof für Minkewale nördlich von Reykjavik. Tran wird gekocht, die Tiere werden verflüssigt, ein Gemetzel, dazu die absolute Stille in der Landschaft. Naturgewalt. Schoepfung und Zerstoerung.

In der neapolitanischen Landschaft mit ihren Eruptionen und Beben werden Energieveraenderungen zum Alltag gehoeren und Schoepfung sichtbar wird.. Das ist das Thema von DIFESA DE LA NATURA (Die Verteidigung der Natur). Neapel konnte in der privaten Geographie von Beuys weder Zentrum noch Peripherie sein, sondern einfach "ein Stueck Heimat". In Neapel fand er viel von sich selbst: die "soziale Skulptur" der Bewohner, die ohne Staat auskommen, die Selbststaendigkeit, die andauernde Erschuetterung. Neapel ist Utopie, Verhaengnis und Lebenskraft. Und: "Neapel ist eine Katastrophe". Neapel ist die Stadt der Sedimente, der Anarchie, der täglichen Revolution, des Dialogs wie der Selbstgespräche. Die Vorsokratiker, Vico und andere Philosophen, die am Golf gewirkt haben, glaubten an eine Zeit, die anstatt linear zu verlaufen, merkwürdige Schlaufen drehe und in Kreisen münde. Neapel hat einen langen Atem. In Neapel sind die Schichtungen gegenwaertig.

Dazu ist es ein Ort der Sonne und der körperlichen und kulinarischen Gelüste. In seinem Stammlokal "La Campagnola" in der Via Tribunali bestellte Beuys am liebsten Risotto Primavera, als secondo Scaloppine al vino bianco, als Contorno Patate al Forno, und hinterher Babà, die rumgetränkten Muffins Neapels. Auf der Ueberfahrt nach Capri lernte er den Winzer Baron Buby de Domizio Durini und seine Frau Lucrezia kennen; ihr Palazzo im winzigen Abbruzenort Bolognano sollte fuer Beuys zur zweiten italienischen Wahlheimat werden. Hier nahm er ausnahmsweise seinen Hut ab, trank abends den roten Montepulciano d'Abruzzo.
Frühmorgens schnitt er taufrisch grüne Chilischoten und tunkte sie zusammen mit Knoblauchzehen und Oregano in Olivenöl als Brotaufstrich. Kofferwagenweise wurden frische Lebensmittel nach Deutschland gefahren und während der Dokumenta- Auftritte verteilt.

Als sich Amelio und Beuys 1971 erstmals in Heidelberg begegnen, wundert sich Amelio, daß Beuys an ihm und Neapel interessiert sei. "Ich war nur ein einfacher Typ, der gerade anfing, sich mit Beuys zu beschäftigen. Ich wußte nicht, daß er seit mehr als zwanzig Jahren irgend etwas in Neapel machen wollte, es war Glück, daß ich zum richtigen Augenblick da war".
Amelio macht Beuys den Vorschlag, mit seiner Familie nach Neapel und Capri zu kommen. Beuys zögert nicht lange. Mehr noch als Monumente fasziniert ihn die Natur. "Er kannte den Namen jeder Pflanze, jeder Blume, er aß sie sogar". Capri war für ihn die "Insel des Schlafes". Amelio erklärt: "In Capri, in der Küche fragte ich ihn nach einer Ausstellung, er antwortete, es sei schwierig, eine Ausstellung zu machen, weil er zeichne, Aktionen mache, Objekte zeige. Ich antwortete ihm, okay, dann machen wir eben zwei Ausstellungen. Er sagte, nein, laß uns vier Ausstellungen machen. So machten wir also vier."

Diese vier Ausstellungen umfassen einen Zeitraum von mehr als 15 Jahren. Neapel wird Bindeglied und Katalysator der selbst verfaßten Lebensbiographie. Sie besteht aus zwei Phasen: Die erste (LEBENSLAUF/WERKLAUF) ist linear oder geschichtet angelegt und umfaßt die Zeit von 1921 bis 1964. Die zweite Phase (PARTITUR) verläuft zirkulär dynamisch und reicht von 1971 bis zu seinem Tod 1986. "Wir überlegten, wie wir vorgehen sollten. Zunächst wollte er in Videos, Zeichnungen, Objekten und Sprache von der Freiheit der Kunst sprechen". "In einer zweiten Ausstellung, die er ARENA nannte, ging es um den Künstler, der in der Lage ist, zu bewegen, als Katalysator. Der Künstler wird zum Helden, er wird Schaman." Beuys nannte ARENA seine typischste Arbeit. Beim Betreten eines Kreises, verliert der Betrachter den Zugang zu konkreten Hinweisen, alles bleibt offen für Vermengungen und Wiederbelebungen, innerhalb des Kreises löst sich die lineare Chronologie auf. ARENA ist eine ganz neue Art der Ausstellung, auch im künstlerischen Schaffen von Beuys.
Die dritte Phase nannte er TERREMOTO IN PALAZZO, eine Verstärkung der Ideen der ersten und zweiten Ausstellung, ein kontinuierliches Erdbeben, ein Aufrütteln, ein Bewußtmachen. Der Höhepunkt, die letzte Phase, ist PALAZZO REGALE.

Die Ausstellungen für Neapel zeigen seine Strategie und Weltanschauung. Beuys meint, daß die Menschheit in ihrer frühen Entwicklung in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Priestern und Sehern stand, die den Menschen erst eine übersinnliche Erfahrung ermöglichten. Bereits 1954 zeichnet Beuys SIBYLLA- PHYTONISSA, später arbeitet er an der Skulptur SIBYLLA/JUSTITIA. Sibylla ist eine Weissagerin, ihr Mythos wird mit der griechischen Kolonialisierung Süditaliens vor 2600 Jahren nach Cuma in die Nähe Neapels transportiert. Kurze Zeit danach entwickelte, so Beuys, die griechische Philosophie das Denken. Später ermöglicht das Christentum die Befreiung des Menschen. Jedoch werden die neuen christlichen Inhalte nicht verwirklicht, so daß die Menschen die gewaltige Bewußtseinsspaltung des Materialismus erfahren müssen. Jesus wird zum ERFINDER DER DAMPFMASCHINE: 1971 war Beuys mit Amelio in besonders finsteren Straßen Neapels unterwegs, als eine alte Frau um Geld für ein paar Bildchen mit dem Herz Jesu bat. Amelio wollte bereits weiter, doch Beuys hielt ihn an. "Kauf mir fünf von den Bildchen". 2. Auf einem schrieb er dann "Der Erfinder der Dampfmaschine" und überzeichnete den Wortlaut 'Sacro cuore di Gesù' (Herz Jesu) mit seinem eigenen Namen. Beuys sah die materielle Entwicklung der Menschheit nicht nur als befreiend an, sondern gleichzeitig als extrem einseitig. "...Der Mensch steht knallhart in der Materie, aber es wird ihm nicht mehr geholfen wie früher von spirituellen Mächten oder von Hohepriestern oder von Eingeweihten oder von Druiden, sondern er muß das alles selbst machen." "Es hilft uns jetzt kein Gott mehr; wir müssen selbst Gott werden." Aus der göttlichen Schöpfungskultur ist eine Inspirationskultur geworden.

Beuys hat Vorbilder. Leonardo da Vinci vereinigt für ihn analytische Methode und mythologisches Denken. Als Beuys an einem sonnigen Tag von Capri aus einen Bootsausflug machen möchte, der Motor aber nicht anspringt, betrachtet er lange die Klippen der Villa Jovis. In der Zeit als Jesus geboren wurde, beherrschte von hier aus der Kaiser Tiberius das römische Weltreich. Beuys sieht an diesem sonnigen Tag die Klippen auf ganz neue Weise und begreift, daß er "das Zeichnen neu erlernen muß." Er holt sein Material und beginnt mit dem ersten Blatt seiner "...LEONARDO CODICES...".
Beuys führt seinen Kunstbegriff über Leonardo hinaus:
" Da wo gegenwärtig die Entfremdung zwischen den Menschen sitzt -man könnte fast sagen als eine Kälteplastik-, da muß eben die Wärmeplastik hinein, zwischenmenschliche Wärme muß da erzeugt werden." Von der Kunst fordert er, ein so scharfes Messer zu werden, "womit man Kriege verhindern kann" "Kunst kann heute keine Kunst mehr sein, wenn sie nicht die Gesellschaft gestalten kann". " Es könne nicht mehr darum gehen, ein schönes Kunstwerk zu machen, sondern man müsse lernen, den Blick auf das soziale Ganze zu lenken, erst dann werde es auch wieder möglich sein, ein gutes Kunstwerk zu machen. Diesen Vorgang nennt Beuys "soziale Skulptur", "soziale Plastik". Jeder Mensch sei als individueller Gestalter des sozialen Ganzen beteiligt, "Jeder Mensch ist ein Künstler".

ARENA in der Modern Art Agency in Neapel 1971 wird angekündigt mit dem Satz: LA RIVOLUZIONE SIAMO NOI. (Wir sind die Revolution). Beuys schafft durch das "wir" einen Zusammenhang der Anwesenden und seiner eigenen Lehrmeister. "Wir", das ist auch Nietzsche und Steiner, Leonardo da Vinci und Joyce. Beuys bringt Gedanken zusammen und verwandelt sie. Beuys ist jetzt Schaman, er arbeitet mit Schöpfungszuständen. Jeder Mensch ist Energie im alchemistischen Zustand.

War Beuys als Schaman nicht doch wieder jener Hohepriester, Eingeweihte, Heilsbringer oder Druide, die er durch die Erfahrung der letzten 2600 Jahre vergessen machen wollte? Bei der Eröffnung von ARENA in Neapel gießt Beuys Öl über eine Skulptur, liegt auf dem Boden, umgeben von drei einfarbigen Bildern, zwei in Kobaltblau, eines in grellgelb. Um seinen Kopf gewunden eine Pflanze, VITEX AGNUS CASTOR, zu deutsch:
"Keusch-lammstrauch", oder Mönchspfeffer. Drei Stunden lang reibt er Kupfer und Eisen aneinander, sein Körper beginnt zu erzittern und zu beben, in Schmerz und orgiastischem Erleben ruft er: "ICH STRAHLE", "ICH STRAHLE".

Im Gegensatz zur Aktion VITEX AGNUS CASTOR erreicht die CAPRIBATTERIE (1985) einen Bekanntheitsgrad weit über einschlägige Kunstzirkel hinaus. Ihr Multiple ist als Postkarte aufgelegt, an den Verkaufsständen befindet sie sich gleich neben dem Vesuv, Pompeji und der Blauen Grotte. Selbst das Bundesland Nordrhein Westfalen war bei der EXPO 2000 in Hannover durch die Capribatterie vertreten.

In der CAPRIBATTERIE bearbeitet Beuys den Mythos der dolce vita. Capri hatte sich während der Nachkriegszeit in die europäische Südsee des Lichts, der Lebensfreude und leichten Musik verwandelt. So wie das Lied "O Sole Mio" aus Sehnsucht in düsteren Wintertagen am Schwarzen Meer entstand, wurde Capri zum Inbegriff der Hoffnung auf Wärme nach der Kälte des Krieges. Der Tourismus bedient sich des alten Goethetraumes, und Beuys macht ihn sichtbar. In einem neapolitanischen Laden fand er eine gelbe Glühbirne, wie sie so manchen deutschen Schrebergarten in mediterranes Licht tauchte; in Neapel wurden diese Birnen jedoch verkauft, um Mücken abzuhalten. Beuys befestigte das Gewinde der Glühbirne in einer frischen Zitrone. Die Zitrone wird feucht, die Glühbirne leuchtet. Die Capribatterie ist kosmische Alchemie. Es entstehen Reibung, Wärme, Feuchtigkeit und Licht.

Die Methode von Beuys erinnert oberflächlich an Tourismusmarketing in drei Schritten:
1. der Griff in die Mottenkiste der Mythen und Kuriositäten, 2. Verkleidung des Mythos, und 3. Bewegung, also die Kombination und Wiederbelebung. Beuys wußte, daß er sein Leben lang Werbung gemacht hatte. Aber: "die Leute sollten sich mal fragen, wofür ich eigentlich geworben habe".
Auch in der Capribatterie war Energie wichtiger als das Symbol. Neapel ist ihm auch politische und soziale Mahnung. Nach dem Erdbeben von 1980 sagt Beuys: "Noch immer wackeln die Paläste. Die Erdstöße in zahlreichen Städten und Dörfern des Südens und in Neapel selbst, die vielen Toten, derer wir immer gedenken müssen, wenn wir wirklich radikale Veränderungen herbeiführen wollen...". Er sieht eine Ausweitung der "Todeszone", wenn nicht auch im menschlichen Sinne den Zusammenbrüchen Einhalt geboten wird."

Neapel ist selbstständig, aber die Stadt liegt an der europäischen Peripherie. So wie Goethe Lissabon nach dem Erdbeben von 1755 für einige Jahre in die europäische Diskussion brachte, schaffte Beuys es zeitweilig, Neapel aus seiner Randlage zu lösen. Er hatte große Pläne:"Beuys wollte aus Neapel ein Weltzentrum der Künste machen", so Lucio Amelio.

Sein persönliches Mausoleum errichtete Beuys schon vor seinem Tode im Museo di Capodimonte in Neapel. Mit PALAZZO REGALE, der vierten und letzten Installation von Ende Dezember 1985 zieht Beuys Bilanz. Er verknüpft das Königsschloss der Bourbonen (Palazzo Reale) mit dem Begriff Geschenk (regalo). Sein Evolutionsbegriff erreicht den Höhepunkt: PALAZZO REGALE ist das Geschenk einer goldenen Zukunft,ein Fest und Lied auf das Leben. Zugleich ist Palazzo Regale der Sarg eines Pharaos. Beuys mumifiziert in einer Vitrine jenen Fellmantel, mit dem er 14 Jahre zuvor nach Neapel gereist war und legt daneben u.a. eine Meerschnecke aus Capri, die er als Megaphon benutzt hatte, um seine Studenten herbeizurufen. Auch hier geht es um natürliche Energieumwandlung: Fell = Wärme, Muschel = Laut. Sein Vermächtnis: Der Mensch hat das Materielle überwunden, er ist Energie geworden. Jeder Mensch ist ein Herrscher, jeder kann dem Leben eine eigene Richtung geben.

Alle Bezüge, die den Menschen leiten, werden so weit abgebaut, bis "der aktive Wille im Denken zur Wahrnehmung wird". In diesem "Todespunkt" steht der Mensch sowohl am Anfang als auch am Ende der Schöpfung.

PALAZZO REGALE schließt den Kreis. Einen Monat nach Eröffnung der Ausstellung war Joseph Beuys tot.
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