BERND BIERBAUM

Bernd Bierbaum

Bernd Bierbaum writes books, paints, enjoys photography, and travels professionally across the world. He lives in Cape Town, South Africa.

Latest: Searching for the aardvark. Based on my idea and story, a 45min documentary was recently broadcast on ARTE TV and ZDF in France and Germany.

Bilderreise Südafrika (Co-author, in German / auf Deutsch)

Johannesburg - Jozi is back!

Seit einer Generation sehen viele Bewohner Johannesburgs die Innenstadt nur noch durch die Fensterscheiben ihrer Autos oder Minibustaxis. In sicherer Distanz umkreisen sie die Hochhäuser auf Autostraßen, die Motorway heißen und in größerer Entfernung zur Innenstadt auch Bypass. Dieser Name war nicht schlecht gewählt, als die Johannesburger City noch das pulsierende Herz der Region war. Bereits 1905 hatte die Regierung Südafrikas jedoch erklärt, dass Menschen schwarzer Hautfarbe nur in Ausnahmefällen in Johannesburg wohnen dürften. In den 1950er Jahren wurde dann die offizielle Rassentrennung eingeführt.

Obwohl Johannesburg erst 1886 als Zeltlager neben den Goldminen gegründet worden war, hatte es damals bereits einige Häutungen durchlebt. Zuerst mussten die Zelte steinernen Kolonialgebäuden weichen und diese Art-Deco-Bauten. Dann wurden in den 60er Jahren Hochhäuser gebaut. Zur gleichen Zeit begannen immer mehr Weiße, in die grünen Vororte zu ziehen. Bald gewannen diese suburbs ihren jeweils eigenen Charakter. Noch heute sprechen die Einheimischen vom "liberalen" Rosebank, dem "mondänen" Melrose, dem "gemütlichen" Parkhurst oder dem "geschäftigen" Sandton.

Die Architektur der Vororte entwickelte sich nach globalen Trends. Hinter den Fassaden der Innenstadt findet jedoch in Etappen ein Wandel statt, wie er weltweit seinesgleichen sucht: Die erste grundlegende Veränderung setzte in den 80er Jahren ein, als die meisten Bewohner aufgrund der zunehmenden Kriminalität und politischen Gewalt die Innenstadt verließen. Die Börse zog nach Sandton und viele Apartmenthäuser in Hillbrow und Yeoville verwaisten. Doch sie standen nicht lange leer. Bald entwickelte sich ein neues Gemeinwesen, dessen Gesetze erst definiert werden mussten. Wieder einmal ereignete sich die "Johannesburg-Story", die Geschichte einer Savanne, die sich über Nacht zu einer Metropole entwickelt. Diesmal waren es Menschen aus allen Teilen des afrikanischen Kontinents, die in die Innenstadt zogen und die Bürgersteige in offene Verkaufsstände verwandelten, um Obst, Gemüse oder Handys zu verkaufen. Vor den Moscheen, Synagogen und Kirchen betrieben sie afrikanische Heilkunst oder töteten unter den Autobahnbrücken Rinder mit dem Messer, um sie an die simbabwianische Mafia und an Familien aus Swasiland zu verkaufen. Bald entdeckten die Künstler dieses Johannesburg und erzielten mit ihren Fotografien und Filmdokumentationen höchste Auszeichnungen. Im Market Theatre in Newtown wurden sozialkritische Themen auf die Bühne gebracht und Staatsgäste, die man im Restaurant Gramadoela mit afrikanischer Küche bewirtete, lobten die Vorspeise aus Mopane-Würmern.

1995 begann die nächste Metamorphose der Stadt. Die Immobilienpreise waren inzwischen so niedrig geworden, dass Investoren quasi im Vorbeifahren historische Gebäude und Wolkenkratzer kauften und renovieren ließen. Plötzlich zogen die ersten Unternehmen und Privatleute wieder in die Stadt. Als erstes wurde das Viertel Marshalltown salonfähig. In Newtown wurde das riesige Wissenschaftszentrum Sci-Bono-Discovery Center gebaut. Braamfontein und die Witwatersrand- Universität wurden durch die über 250 Meter lange Nelson Mandela Brücke mit dem traditionellen Bankenviertel verbunden. Auf den Fundamenten eines alten Gefängnisses entstand gleichsam als Denkmal für die Menschenrechte das neue Verfassungsgericht.

Seitdem der Gautrain gebaut wird, ist die Stadtentwicklung in ihre jüngste Phase getreten. Mit diesem Namen verbindet sich nicht allein die neue Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke, die Pretoria, den internationalen Flughafen und Johannesburg verbinden wird, sondern ein räumliches Fixum, das die Stadt zuvor nie kannte: Da Johannesburg als einzige Millionenstadt weltweit nicht an einem Fluss, See, Berg oder am Meer liegt, blieb sie so austauschbar wie keine zweite. Entlang des weit verzweigten neuen commuter belts aus Eisenbahntrassen, Autobahnen und Wohnsiedlungen, entsteht nun ein selbstständiges Netzwerk von Vorstädten.

Um das wahre Herz Johannesburgs zu finden, genügt es nicht, die Oberfläche zu betrachten: In der gläsernen Fassade des Diamond Building etwa spiegelt sich der Abraum von 120 Jahren Goldrausch, der in Form gelber Tafelberge große Flächen der Stadt überzieht. Diese Hügel deuten an, was den Ort so einzigartig macht: Während im Sommer über der Stadt die Wolken donnernd zerbersten und der Regen auf die knisternden Elektrozäune der Villen in Sandton und auf die Wellblechdächer von Alexandra herab prasselt, explodiert vier Kilometer unter den Wolkenkratzern das Dynamit. Im tiefsten Labyrinth der Erde, in einer vertikalen Stadt aus Zügen und Fahrstuhlschächten arbeiten Tausende von Menschen. Klimaanlagen kühlen die Luft so gut es geht, doch der Stein in dieser Tiefe ist heißer als 50 Grad. Unablässig sprengen die Arbeiter neues Gold aus dem Reef. Dieser faustdicke Goldsaum ist 100 mal 400 Kilometer breit und bewegt sich von der Erdoberfläche, dem Rand, in den Abgrund nach ganz eigenen Gesetzen. Ihm zu folgen ist eine qualvolle Aufgabe, doch die Mühe lohnt sich: Mehr als die Hälfte allen Goldes, das jemals auf der Erde gefunden wurde, stammt aus dem Untergrund von Johannesburg. Dies ist der Schatz Südafrikas, das ist die Alchemie der Stadt aus Gold.
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